Neustart in der Kradhalle [swp 19.05.2009]
Die Kradhalle ist tot, es lebe die Kradhalle. Nach mehr als einem Jahr Umbaupause hat sich jetzt auch die Künstlergruppe Kradhalle wieder in ihrem alten Domizil eingerichtet. Am Sonntag steht das erste Konzert an.
Thomas Kahl im Veranstaltungsraum der neuen Kradhalle, die am Sonntag mit dem Konzert von Big John Bates eröffnet wird.
Foto: Helmut Pusch
Die Aufregung war groß gewesen vor zwei Jahren. Die bunte Künstler- und Musikergruppe, die seit 1992 in der Kradhalle gewerkelt und ihr Domizil in der Donaubastion auch als Veranstaltungsort genutzt hatte, bekam die Kündigung auf den Tisch. In die Halle sollte die Popbastion einziehen. Die Künstler protestierten, Solidaritätsadressen aus der gesamten Bundesrepublik trudelten bei der Stadt ein. Denn so klein und unscheinbar das Gebäude beim Roxy wirkt, die Ulmer Kradhalle hatte sich in all den Jahren bei Künstlern, Musikern und Besuchern einen Namen gemacht. Auch deshalb, weil dort viel zu sehen und zu hören war, was es sonst nicht in der Stadt gab.
Und die Stadträte hatten ein Einsehen, einigten sich schließlich auf einen Kompromiss. Die Popbastion sollte die eine Hälfte der Halle bespielen, die Künstler und Musiker die andere Hälfte. Im Dezember nahm die Popbastion ihre Arbeit auf, und auch die Künstler zogen wieder in ihre Hälfte ein. Jetzt haben sie ihre Hälfte soweit auf Vordermann gebracht, dass sie auch wieder mit Veranstaltungen beginnen können. Am Sonntag steht das erste Konzert an – mit dem Kanadier Big John Bates und den Voodoo Dollz.
Und auf die Kanadier wartet eine liebevoll dekorierte Bühne, die die Musiker und Künstler in den vergangenen Monaten gebaut haben – nicht nur für die Konzerte, auf der Bühne proben auch drei Bands, die sich die Kradhalle als Probenlokal teilen: die Spacerangers, Cowfrouw und Gwen Stacey. Bei der letztgenannten Band greift auch einer in die Saiten, der von Anfang an dabei ist: Thomas Kahl. Er ist einer der Künstler, die noch als Fantastische Vier gestartet waren, bevor dieser Titel von den erfolgreichen Stuttgarter Hiphoppern für sich beansprucht wurde. Mit Patrick Pilsl, Andrew Greif und Peter Knabl hatte Kahl damals im Reduitgebäude der Donaubastion sein Atelier – und musste weichen, als dort das Donauschwäbische Zentralmuseum etabliert wurde. Heute ist Kahl der letzte Maler der Gruppe, die mittlerweile zum Verein Kradhalle geworden ist. „Das war eine der Auflagen der Stadt. Mieter sollte keine Privatperson mehr sein, sondern ein Verein“, erzählt Kahl. Und der hat bislang ein gutes Dutzend Mitglieder, die Musiker der dort probenden Bands, die mit ihren Mitgliedsbeiträgen auch die Miete und die Nebenkosten der Halle tragen. Ob der Verein später auch mal für fördernde Mitglieder offen sein wird, ist noch unklar. „Wir lassen das alles erst einmal anlaufen“, sagt Kahl. Wenn der Verein aber erst einmal endgültig ins Vereinsregister eingetragen sei, könnten Unterstützer ja auch Spenden machen, hofft der Musiker und Maler auf die Solidarität jener, die sich vor zwei Jahren für den Erhalt der Kradhalle eingesetzt hatten.
Und was soll in der Kradhalle künftig geboten werden? „Alles, was uns interessiert“, sagt Kahl. Konzerte, Ausstellungen, Lesungen. Der große Vorteil der Kradhalle: „Wir haben keinerlei kommerzielle Interessen. Wir müssen keine Gewinne erwirtschaften. Wir können machen, was uns wichtig ist.“ Und dabei helfen auch Kontakte zu Künstlern und Musikern, die in den vergangenen Jahren gewachsen sind. Anfang Juli wird etwa die Band „Freiwillige Selbstkontrolle“ in der Kradhalle gastieren, eine der ältesten und arriviertesten deutschen Avantgarde-Bands um den Pop-Literaten Thomas Meineke und die Künstlerin und Musikerin Michaela Melián, deren Installation „Speicher“ im vergangenen Frühjahr im Ulmer Museum an die Hochschule für Gestaltung erinnerte.
Also alles bestens in der Kradhalle? Mitnichten. Die Künstlergruppe muss nun mit weniger Platz auskommen. Tommy Kahl, der den Veranstaltungsraum auch als Atelier nutzt, muss künftig für jede Veranstaltung seine Farben und Leinwände auf den Dachboden schaffen. Dort hat der Verein aber mehr Platz als erwartet, denn der dort geplante Vokal-Coaching-Raum für die Popbastion wurde nicht gebaut. überhaupt, das Verhältnis zu den neuen Nachbarn ist besser als erwartet. So bekam Kahl die Erlaubnis, seine Bilder auf dem Dachbodenanteil der Popbastion zu lagern. Und noch etwas ist positiv. Die neuen Fenster sparen nicht nur Heizenergie, sie dämmen auch den Lärm aus der Kradhalle. „Seitdem hat sich aus der Nachbarschaft niemand mehr über Lärm beklagt.“
Eröffnungsparty am Sonntag Wie sieht die neuen Kradhalle aus? Das können sich Interessierte beim Eröffnungsabend am Sonntag, 21 Uhr, mit Big John Bates & The Voodoo Dollz anschauen, einer Band, die eine Mischung Rockabilly, Garage-House und Blues zelebriert. Aber auch wer sonst einmal einen Blick in die Kradhalle werfen will, ist willkommen. „Wenn ich tagsüber im Atelier bin, freue ich mich über Besuch“, sagt Thomas Kahl. „Hier haben schon jede Menge Leute hereingeschaut, die früher einmal hier in der Donaubastion gearbeitet haben.“